Tagore zum 150 Geburtstag

 

P. Kristudas - R. Tagore: 
Der indische Koffer und andere Geschichten. Hrsg. Siegfried Pick. Mit Illustrationen von Ilse Bollacher-Paret. Eggingen/Kreuzlingen, Edition Eisele, 2011. Kartoniert, 128 Seiten

Dr. med. dent. Siegfried Pick, ein Sohn des bekannten Predigers der Freireligiösen Gemeinde Mainz , hat sich als kenntnisreicher Herausgeber und Verfasser verschiedener Arbeiten seines Vaters (wie sein Werk über Cusanus) und seit einigen Jahren des Inders Kristudas einen Namen gemacht. Vom letzteren ist nun wieder ein ansprechendes Büchlein erschienen: Der indische Koffer und andere Geschichten.

Die achtzehn heiter-besinnlichen und kurzen Erzählungen erinnern entfernt an Johann Peter Hebels Kalendergeschichten, enthalten sie doch auch in schlichtem Gewand tiefsinnige Einsichten, wenn auch hier in indischem Kolorit. Hier wie dort kommt die "Moral der Geschichte" auf leisen Sohlen unaufdringlich daher.

Das Buch ist Tagore gewidmet, dessen 150. Geburtstag im Erscheinungsjahr 2011 allenthalben gedacht worden ist (außer bei den Freireligiösen) und besonders in seiner Heimat feierlich begangen wurde. So enthält ein zweiter Teil des Buchs eine Würdigung des großen Dichters, Reformators, Malers, Musikers, Humanisten, Pädagogen und Philosophen, dem einzigen seines Landes, der - 1913 - den Nobelpreis für Literatur erhalten hat.

Pick hat das Buch um einen knappen Lebensabriss (S. 89ff.) und eine Auswahl von Stimmen über Tagore ergänzt, u.a. von Grass, Hesse, Heuss, Nehru und Albert Schweitzer (S. 113ff.). Rosemarie Tillessen hat in dem Kapitel "Ein malender Dichter" (S. 105ff.) die Gemälde des Gelehrten vorgestellt, von denen acht in Farbe reproduziert das Buch bereichern. Tagore selbst muss viel von seinen Kunstwerken gehalten haben, die er erst als 70-Jähriger schuf. Dreihundert seiner Bilder nahm er 1930 mit nach Europa, wo sie in Berlin, Dresden, London, München und Paris ausgestellt wurden (Tillessen S. 106).

Der als Redner, Musiker und Sänger in der Freireligiösen Landesgemeinde Baden aktive Dr. Pronab Mazumdar hat bis zu seinem Tod 2004 viele seiner Gedichte, Lieder und Prosatexte unseren Mitglieder nahe gebracht.

Wenig bekannt ist hingegen Tagores Wirken in der Gemeinschaft der Brahmo Samaj. Anhänger dieser Religionsgemeinschaft habe ich früher auf Kongressen des Weltbundes für religiöse Freiheit (IARF) als außerordentlich tolerante und geistvolle Persönlichkeiten kennen und schätzen gelernt und mich danach und dadurch erst mit ihrer Organisation befasst. Sie weist verblüffende Parallelen mit den früheren freireligiösen Gemeinden auf, ist wie diese in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als - hinduistische - Reformbewegung entstanden und strebt eine Versöhnung von Religion und Vernunft an. Es überrascht nicht, dass schon bald eine enge Verbindung bestand zwischen der Brahmo Samaj und der Freireligiösen Gemeinde Königsberg unter Julius Rupp. 

Die in der Brahmo Samaj vereinigten Mitglieder, darunter erstaunlich viele Ärztinnen und Ärzte, glauben nicht an eine übernatürliche Offenbarung und folglich auch nicht daran, dass die ewige Wahrheit in einem einzigen Buch enthalten sein soll, sie glauben weder an Heilige noch an Propheten oder sonstige unfehlbare Autoritäten. Dafür haben sie um so mehr in der indischen Gesellschaft für soziale Reformen gewirkt, so gegen das Kastenwesen, die Witwenverbrennung oder die Kinderehe und für angemessene Ausbildungsmöglichkeiten auch der Mädchen und Frauen. Schulen, Waisenhäuser und eine Universität wurden von ihnen gegründet.

Rabindranath Tagore selbst hat auf seinen Gütern in Bengalen schon Ende des 19. Jahrhunderts eine bemerkenswerte Genossenschaftsbewegung unter seinen Pächtern organisiert, sich für eine bessere Schulbildung eingesetzt und eine Landwirtschaftsschule eingerichtet. Leidenschaftlich hat er sich wie alle Anhänger der Brahmo Samaj gegen Nationalismus und Militarismus engagiert.

Wie kann der bekannteste und vielleicht bedeutendste Vertreter dieser Gemeinschaft, Rabindranath Tagore, mit seinem so überaus breit gefächerten Wirkungsfeld auf knapp zwanzig Seiten gewürdigt werden? Kristudas und Pick scheint es gelungen zu sein, weil ihr Büchlein den Leser motiviert, sich eingehender mit dem Werk dieser "Renaissance-Persönlichkeit" zu beschäftigen, wie ihn Professor Dr. A. A. Rake aus London auf dem IARF-Kongress in Davos im Sommer 1961 einmal genannt hat. 

Und dass Pater Kristudas Kurisummottil, der Kapuzinermönch aus Indien, der 1938 in Kerala geboren ist und drei Jahre in München studiert hat, in seinen bilderreich fabulierten Kurzerzählungen abermals Zeugnis ablegt vom weltbejahenden toleranten Geist Tagores, für den er nach eigenem Bekenntnis bereits als Schüler schwärmte, beweist, dass der Verfasser in der östlichen wie der christlichen Spiritualität gleichermaßen wurzelt, anders ausgedrückt, dass ihm über alle dogmatischen und konfessionellen Grenzen hinweg die Bilder und Legenden aus beiden mythischem Schatzkammern zu Gebote stehen. 

P. Kristudas - R. Tagore: 
Der indische Koffer und andere Geschichten. Hrsg. Siegfried Pick. Mit Illustrationen von Ilse Bollacher-Paret. Eggingen/Kreuzlingen, Edition Eisele, 2011. Kartoniert, 128 Seiten

 
Tagore über Religion und Sekten

Da wir Gott im Schattenlande irgendeines Bekenntnisses untergebracht haben, glauben wir, mit gutem Gewissen allen Raum in der Welt der Wirklichkeit für uns beanspruchen zu dürfen, indem wir das Wunder des Unendlichen daraus verbannen und sie so alltäglich machen wie unser Hausgerät. Solche platte Gewöhnlichkeit wird nur möglich, wenn unser Geist keinen Zweifel hat, dass wir an Gott glauben, während unser Leben nichts von ihm weiß.

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…wenn der buchstabengläubige Sektierer es auch nicht mit Worten zugibt, so hat er doch den stillschweigenden Glauben, dass Gott sich von einer kleinen Schar von <Rechtgläubigen> in einen Käfig ihrer eigenen Mache sperren läßt. 
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Jene Sekten, die sich eifersüchtig mit Schranken von starren Dogmen umgeben und jede spontane Bewegung des lebendigen Geistes ausschließen, hegen und pflegen wohl ihre Theologie, aber sie töten die Religion.

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Der Versuch, ihre eigenen Religion überall und für alle Zeit zur herrschenden zu machen, ist den Menschen, die zum Sektenwesen neigen, natürlich. Daher wollen sie nichts davon hören, dass Gott großmütig ist in der Verteilung seiner Liebe und dass sein Verkehr mit den Menschen sich nicht auf eine Sackgasse beschränkt, die an e i n e m Punkt der Geschichte plötzlich halt macht. Wenn je eine solche Katastrophe über die Menschheit hereinbrechen sollte, dass eine einzige Religion alles überschwemmte, dann müßte Gott für eine zweite Arche Noah sorgen, um seine Geschöpfe vor seelischer Vernichtung zu retten.

Aus:
Rabindranath Tagore, Flüstern der Seele. München 1921.

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