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Die sich ihrer Geschichte bewußten Freireligiösen - es gibt sie durchaus noch hier und da - erinnern sich gewiss an das Handbuch des Heidelberger Konfessionskundlers, Professor Friedrich Heyer: "Religion ohne Kirche - Die Bewegung der Freireligiösen" (die erste Auflage erschien 1977 im Quell Verlag Stuttgart). Darin zitiert der Theologe zustimmend den Philosophen Arthur Drews:
"Was und wie hier (in den freireligiösen Gemeinden nämlich, d.V.) kritisiert und negiert wird, das und so kritisieren und negieren Tausende in unserem Volk, ohne sich gerade diesen Gemeinden anzuschließen. Der freireligiöse Partner ist Repräsentant für Unzählige!"
Damit ist eine Erfahrung beschrieben, wie sie jeder machen kann, der über religiöse oder kirchliche Fragen mit Freunden und Bekannten diskutiert. Dabei kann man immer wieder eine breite Übereinstimmung mit unseren Überzeugungen feststellen. Das galt vor allem in Beratungsgesprächen mit Konfessionslosen und selbst mit Christen vor und nach Kulthandlungen wie Trauerfeiern, Trauungen und Taufen oder bei persönlichen Lebenskrisen.
Nun haben es anders als Anhänger einer Offenbarungsreligion, die ihre Wahrheit unmittelbar von Gott direkt empfangen haben, die Freireligiösen aber auch leichter, weil ihr Glaube auf allgemeinen humanistischen Grundsätzen und vor allem in Süddeutschland auf einem, manchmal mystisch vertieften, Pantheismus beruhen. Doch auch der ist ja als die heimliche Religion der Deutschen bezeichnet worden und überlebt bis heute in den Zitaten der deutschen Klassiker, die nach dem Literaturwissenschaftler Korff den Boden des Christentums endgültig verlassen hatten.
Man möge mir verzeihen, wenn ich wiederhole, was ich nicht müde geworden bin zu betonen: Freireligiöse wollten keine neue Religion oder Sekte stiften, sondern erstens die Grenzüberschreitung zwischen den Konfessionen ermöglichen und zweitens in den Gemeinden Raum schaffen für einen Glauben ohne Dogma, in dem der Zweifel an metaphysischen Spekulationen konstitutiv sein und in dem Gott gar nicht oder doch wenigstens nicht als Person vorkommen sollte.
Freireligiös soll angesichts dieser Religiosität ohne systematische Abgeschlossenheit nur derjenige sich nennen, der sich einer Gemeinschaft als Mitglied angeschlossen hat. Denn nur durch einen organisierten Zusammenschluss kann er nach außen (selbstredend ohne zu missionieren), in der Öffentlichkeit wirken und dafür sorgen, dass Toleranz in der Gesellschaft zunimmt und der Monopolanspruch der Kirchen auf Sinnstiftung und ihr Einfluss (z.B. auf Bildungseinrichtungen) begrenzt werden.
Menschen, die frei in (nicht von) der Religion sein wollten, gab es immer schon, und es gibt sie immer noch, sowohl innerhalb wie außerhalb der Kirchen. Es gab freireligiös denkende Päpste, christliche Theologen sowieso, solche, die deshalb aus der Kirche austraten und solche, die aus mehr oder weniger opportunistischen Gründen drin blieben.
Einer von denen, die aus Gewissensgründen der Kirche den Rücken kehrten und für ihre Wahrheitsliebe und Kompromisslosigkeit auf eine sichere Pfründe verzichteten, sich aber auch keiner andern Religionsgemeinschaft angeschlossen haben, war Christoph Schrempf, am 28. April 1860 in Besigheim geboren und am 13. Februar 1944 in Stuttgart gestorben. Zwar habilitierte er sich und lehrte fünfzehn Jahre an der TU Stuttgart, blieb aber zeitlebens ein Außenseiter. "Für die kirchlichen Kreise war er als Ketzer erledigt, in den nichtkirchlichen Kreisen hatte er zwar eine treue und begeisterte Hörerschaft, blieb aber in seiner freien, nur auf die eigene Erfahrung aufgebauten Glaubensauffassung und Religionsphilosophie immer nur ein Einzelgänger und Randsiedler…"
Trotz seiner Anhänger sprach er selber "…von der Unpopularität seiner Religion: dass sie, wie er wohl wisse, unpraktisch und unpopulär sei, und dass er zuweilen auch darunter leide. Denn, fährt er dann fort, ‚im Diesseits dem Diesseits zu leben; doch mit dem Bewusstsein, dass es das wahre Leben nicht ist; und zugleich in der Erkenntnis, für das wahre Leben nichts tun zu können: das ist so unpopulär wie möglich.'"
Dieser freiheitsliebende und aufrechte Schwabe - "ein Mensch von vorgestern und übermorgen", wie er von sich selbst einmal sagte - ist immer noch unpopulär, wenn auch seine Einstellung zur institutionalisierten Religion der Kirche heute weit verbreitet ist. Aber wer kennt seinen Namen noch, außer dass er einem vielleicht als Übersetzer und Herausgeber der Werke Sören Kierkegaards begegnet ?
Der Religionsphilosoph und Theologe Dr. Andreas Rössler - evangelischer Pfarrer in Stuttgart, Mitglied des Bundes für Freies Christentum, das er nahezu drei Jahrzehnte engagiert bei der IARF (Weltbund für religiöse Freiheit) vertrat, und Schriftleiter der Zeitschrift "Freies Christentum" - hat nun an seinem 70. Geburtstag im Jahre 2010, dem Gedenkjahr sowohl Meister Eckharts (vor 750 Jahren geboren) als auch Melanchthons (vor 450 Jahren geboren), anläßlich des 150. Geburtstags von Christoph Schrempf eine Biographie über diesen Kirchenrebellen und Einzelkämpfer vorgelegt, die auch eine Einführung in sein eigenwilliges Denken und überdies zur weiteren Vertiefung eine ausführliche Bibliographie bietet.
Mit bisher unveröffentlichtem Material und Fotos u.a. aus dem Familienarchiv der Nachkommen beleuchtet Rösssler den Lebensweg einer unangepassten Persönlichkeit, die eine Religiosität ohne Kirche lebte und lehrte.
Den freigeistigen oder freireligiösen Lesern werden die Umstände seiner Suspendierung, die Weigerung, seinen eigenen Glauben hinter Glaubenssätze und Rituale zu verstecken oder zu verbiegen, weniger interessieren. Denn er kennt genug Persönlichkeiten aus der Geschichte der freireligiösen Bewegung, die früher schon einen vergleichbaren Schritt getan und sicherlich ebenso große Opfer gebracht haben, wie z.B. Eduard Baltzer, Gustav Adolph Wislicenus, Julius Rupp und wie sie alle heißen. Auch Hubertus Mynarek oder Eugen Drewermann und eine ganze Reihe anderer namhafter Theologen sind aus der katholischen Kirche ausgetreten, weil sie darin keine geistige Heimat mehr fanden. Bei der Trauerfeier für Schrempf im Krematorium des Stuttgarter Pragfriedhofs sagte Wilhelm Nestle in seinem Nachruf, der "Widerspruch zwischen den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung und dem starr festgehaltenen Dogmatismus der Bekentniskirche" sei ihm immer fühlbarer und untragbarer geworden.
Schrempfs Gedanken über Gott und die Welt (oder das Leiden) im Verein mit seinem eigenen harten Schicksal sind doch allemal lesenswert. Denn Rösslers Buch ist ohne Schnörkel fasslich geschrieben und regt trotzdem dazu an, seine eigene weltanschauliche oder religiöse Position zu überdenken.
Professor Arthur Drews, Mitglied der Freireligiösen Gemeinde Karlsruhe und Ehrenmitglied der Landesgemeinde Baden, hatte diesen kirchenfreien Denker 1911 zu dem damals sensationellen "Berliner Religionsgespräch" über den historischen Jesus und die Religion eingeladen. Schrempf hat sich da nicht nur von der Kirche, sondern zugleich vom Christentum losgesagt. Und weil ihm bewusst war, dass sich unter diesem Begriff so viele Facetten und Spielarten verbergen, hat er sich radikal von allen abgegrenzt.
Ein Christentum, das auf dem Glauben beruht, Gott sei vor zweitausend Jahren Mensch geworden und nach dem Tod auferstanden, lehnt er genauso ab wie das, welches an den Menschen Jesus glaubt, der uns von der Sünde erlöst habe, ebenso wie jenes, das nicht an den geschichtlichen, sondern an den idealen Christus und seine metaphysische Erlösungslehre glaubt.
"Man weiß schon lange nicht mehr, welches von den vielen vorhandenen Christentümern das richtige Christentum ist: das katholische oder das protestantische, das altgläubige oder das modernistische, das positive oder das liberale, das einige, das natürliche … Die Frage nach dem Wesen des Christentums gehört, mit Verlaub zu sagen, zu den unnützesten und langweiligsten Fragen der Gegenwart." Denn auch der Unterschied zwischen Christentum und Nicht-Christentum sei praktisch nicht mehr so groß, dass sich ein Kampf um oder wider das Christentum lohne: "So, wie man als Christ heutzutage im allgemeinen lebt, so kann man ohne Christentum auch leben." An dieser Stelle vermerkt das Protokoll lebhaften Beifall im Auditorium.
Der letzte Aufsatz von Christoph Schrempf trägt den Titel "Durch das Christentum hindurch zu Gott". Der ehemalige Pfarrer sieht demnach im Christentum nur ein Durchgangsstadium, nur eine Interimsreligion.
Verständlich, dass dieser Renegat von der subventionierten theologischen Forschung totgeschwiegen worden ist. Ist die von Andreas Rössler sorgsam recherchierte und gediegene Würdigung Schrempfs nun ein Signal für einen Wandel in der evangelischen Kirche?
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