Erich Satter: 
Möglichkeiten und Grenzen einer pluralistischen Ethik
Eine religions- und ideologiekritische Analyse der gesellschaftlichen Wirklichkeit sowie der Versuch einer meta-ethischen Konzeption. Angelika Lenz Verlag, Neustadt am Rübenberge, 2003. 292 Seiten. 

Über Moral reden kann und tut auch jeder; Moral zu begründen dagegen ist ein kompliziertes Problem aus dem am meisten diskutierten Gebiet der Philosophie, der Ethik. Erich Satter stellt sich bravurös dieser Aufgabe und legt eine klar gegliederte Arbeit vor, die dem gegenwärtigen Stand der Diskussion gerecht wird. Mit "gesellschaftlicher Wirklichkeit" ist die gegenwärtige deutsche gemeint.-

Der Verfasser ist ein erklärter Habermas-Schüler. Er ist sich bei der - seinem Religionslehrer und väterlichen Freund Wilhelm Bonneß gewidmeten - Analyse bewusst, dass es mehr als fraglich ist, der Geschichte Ziel und Zweck zuzurechnen, hält indessen die Pluralität der Ethik in der kulturellen Evolution für unvermeidbar (109). Deren Möglichkeiten und Grenzen transparent zu machen sowie "auch Gründe" - und damit fügt er unter der Hand allerdings einen alles andere als wertneutralen eigenen Standpunkt in die Darstellung ein - "für deren Notwendigkeit aufzuzeigen" und hofft, dass "dadurch wenigstens ein Paradigmenwechsel erreicht werden kann" als Voraussetzung der Entstehung einer Moralwissenschaft. (12) 

Das klingt bescheiden und ist dennoch ein hoher Anspruch. Es wäre zu wünschen, dass darum auch in den freireligiösen Gemeinden die Diskussion über Satters Werk intensiv geführt wird, bildet doch eine deutliche Positionsbestimmung auf dem Gebiet der Ethik immer noch ein Desiderat trotz einzelner Versuche ihrer Prediger und Sprecher. Das Buch bietet eine erhellende Darstellung des Naturrechts der Antike und Scholastik über die Säkularisierungstendenzen bis zur Neuzeit und stellt es auf klare und prägnante Weise dem Positiven Recht gegenüber, behandelt in einem weiteren Schritt die Ethik aus religiöser und weltanschaulicher Sicht und analysiert den erkenntnistheoretischen Gottesbeweis. 

Diese knappe Zusammenfassung wird dem Buch nicht gerecht und könnte überdies den falschen Eindruck erwecken, es sei in einem trockenen und abstrakten Stil verfasst; es liest sich aber im Gegenteil außerordentlich flott und lebendig. Wesentliche Einschübe wie der Abschnitt 2.4 über Austro-Faschismus und Nationalsozialismus hat der Rezensent mit großem Interesse gelesen. Niemals verliert Satter den Gesamtzusammenhang aus dem Blickfeld. Als persönlichen axiomatischen Ausgangspunkt ist das einleitend angeführte Stufenschema einer Ethik- und Moralentwicklung, das sich bei der Lektüre als sehr hilfreich erweist. Kursorisch gelangt der Philosoph von den verschiedenen bekannten moralwissenschaftlichen Positionen zu modernen Gerechtigkeitstheorien. Dem Kritischen Rationalismus gewährt er gebührend Raum, um schließlich nach einem Diskurs über Theorien der Gerechtigkeit im 7. und vorletzten Kapitel der Arbeit zum "Regel-Utilitarismus als praktische Basis einer Meta-Ethik" zu gelangen. 

Es bleibt allerdings zu fragen, wie denn Praxis Grundlage eines philosophischen Systems, gar einer Meta-Ethik, bilden kann. Doch Satter stellt sich beherzt dieser Herausforderung und gibt dem Leser verblüffend plausible Erklärungen. So führt er aus, dass "die ethische Toleranz …theoretisch keine Grenzen kennen" dürfte, …dieser erweiterte Toleranzbegriff "jedoch seine praktische Einschränkung (erfährt), wenn damit auch die Intoleranz toleriert werden soll" (150f.). Gerade diese Auslegungsfragen erweisen sich freilich im Alltag als das eigentliche Problem und lassen darum immer wieder eine ethische Konzeption einschließlich der des Kritischen Rationalimus als insuffizient erscheinen, sobald man sie als allgemein verbindliche Handlungsanweisung im konkreten Fall auslegen möchte. Für den persönlichen Geschmack des Rezensenten ist im Buch Satters der zentrale Begriff "pluralistische Ethik" zu unscharf abgegrenzt von pluralistischer Moral. Sind die Moralen (im Französischen gibt es ja die Pluralform tatsächlich) nicht in einer Vielfalt, sondern in einer bestimmten Ethik verankert, nämlich der auf "vernünftigen" Konsens beruhenden? -

Dem Werk wäre ein Lektor zu wünschen gewesen, um die Redundanz wie in der Darstellung des Fallibilismus (210ff.) ein wenig zu verringern. Dabei hätte dann auch die Fülle der subjektiven Prädikate ein wenig vermindert werden können, wie "leider", "durchaus", "grauenhaft", "wünschenswert", "vielleicht (!) die ehrlichsten (Theorien)" (152), "gesunde Skepsis" (209) und dergleichen, die sich durch Satters ihrem eigenen Anspruch nach doch "völlig wertfreie" Methodologie" (9) ziehen. Der Rezensent teilt auch nicht die subjektive Auffassung Satters, "dass der Islam aufgrund der fehlenden Aufklärung ethisch hinter das Christentum zurückgefallen ist". (253) Der Säkularisierungsprozess im Abendland hat ja nicht die christliche Kirche in ihrer ethischen Grundüberzeugung verändert, sondern lediglich deren Einfluss in der Gesellschaft. Was Satter für ethisch fortgeschritten auffasst, ist ja zudem von der Gesellschaft gegen die Kirche durchgesetzt worden.

Aber das sind vielleicht nur Fragen, die der Leser nicht unbedingt im gleichen Sinn wie der Rezensent beantworten mag. Gerade durch die unverkennbar persönlichen Wertungen des Autors wirkt das Buch schließlich so lebendig. Auch wenn diese seine subjektive Haltung nicht expressis verbis formuliert wird, liegt sie gleichwohl seiner Abhandlung über ethische Fragen schon durch die Auswahl der philosophischen Theorien (die von Albert Schweitzer, Bertrand Russell, Eduard von Hartmann, Nicolai Hartmann oder Alexander Mitscherlich kommen gar nicht vor) konstitutiv zugrunde, so dass eigentlich von einem ideologiefreien objektiven Standpunkt überhaupt nicht die Rede sein kann. Ideologie ist die Gesamtheit von Werturteilen, mit denen Fakten beurteilt werden. Wirklichkeit lässt sich weniger durch die beobachteten Eigenschaften als vielmehr durch ihre Beziehungen beschreiben. Wendungen wie "die" menschliche Natur (126) sind zumindest für einen kritisch-rationalistischen Standpunkt problematisch.

Das alles mindert jedoch nicht die herausragende Bedeutung des Werks von Erich Satter. Die einheitsstiftende pluralistische Ethik in einer pluralistischen Gesellschaft, so betont Erich Satter, kann als Grundlage auf den Weg zu einer Eudämonie betrachtet werden. An seinem Buch kommt man darum nicht drum herum. 

Eckhart Pilick
In: Wege ohne Dogma 2008


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