|
Als ich das Buch vom Verlag mit der Bitte um eine Besprechung zugeschickt bekam, wunderte ich mich darüber, dass ein Autor die ungewöhnliche Bezeichnung "Traktate" für seine Veröffentlichungen gewählt hat. Denn diese Bezeichnung lässt zunächst auf ein frommes Bekehrungswerk schließen, ein Eindruck, der durch das Adjektiv "erbaulich" noch verstärkt wird. Allerdings steht beides in krassem Gegensatz zum irrwitzigen Titel "Die Religion der Regenwürmer". Ich muss zugeben, dass ich mich nur wegen dieser paradoxen Kombination sowie aufgrund einiger Leserzuschriften überhaupt zur Lektüre bereit gefunden habe. In der Wikipedia heißt es:
<Ein Traktat … ist eine kurze schriftliche Abhandlung über ein Thema. Oft werden im Traktat religiöse, philosophische, kulturelle, politische, moralische oder (natur-)wissenschaftliche Themen behandelt… Durch die häufige Verwendung zu didaktisch-dogmatischen Zwecken hat der Traktat im Deutschen einen negativen Beiklang…Heute werden Traktate oft zur Verbreitung religiöser oder politischer Ideologien eingesetzt. Traktate erheben in diesem Zusammenhang keinen wissenschaftlichen Anspruch. Sie zielen viel mehr darauf ab, die betreffenden Ideen allgemein verständlich und mit großer Überzeugungskraft darzustellen. >
Didaktisch-dogmatische Zwecke? Und dann den Gipfelpunkt der Kultur, die Religion nämlich, das Spezifische des Menschen, das ihn vom Tier unterscheidet, in Beziehung zu setzen zu dem auf der niedrigsten Stufe der Fauna befindlichen Wurm? Müsste da nicht eigentlich der Untertitel des Buchs "zynische" Traktate lauten? Zumindest sind einige dieser Beiträge alles andere als erbaulich und nur schwer verdaulich.
Der Ärger beim Lesen stellt sich gleich zu Anfang ein. Den letzten Zweck der menschlichen Existenz in seiner vornehmlichen Fähigkeit darin zu erblicken, Sauerstoff in Kohlenstoff umzusetzen, ist schlechterdings makaber und für mich das genaue Gegenteil von Sinnhaftigkeit des Lebens. Das Wesen der Ehe, der höchsten Form des menschlichen Daseins, im gemeinschaftlichen Fernsehen zu sehen, den Sport als etwas Dekadentes, das Klonen hingegen und andere Genmanipulationen als erstrebenswert zu beschreiben, all das hindert mich daran, das Buch den Lesern dieser Zeitschrift als Lektüre zu empfehlen. Es geht bis an die Grenze des Erlaubten und oft genug darüber hinaus.
Die Traktate über <Christliche Werte> und das Kreuz als ihr Symbol scheinen mir blanker Hohn zu sein, der ironisch hinter gespielter Ernsthaftigkeit verborgen wird. Zumindest die angeführten Bibelzitate sind korrekt. Sie wurden allerdings so ausgewählt, dass alle zu einander in Widerspruch stehen. Wenn Jesus beispielsweise gebietet, Eltern, Gattin und Kinder zu lieben, aber an anderer Stelle verlangt, sie sämtlich zu verlassen, um ihm nachzufolgen, dann hebt Victor Dahms die Antinomie scheinbar dadurch auf, dass er sagt: "…man kann tatsächlich viel besser seine Familie aus der Ferne lieben, nachdem man sie erst einmal verlassen hat." Theologische Exegesen sucht man hier vergeblich.
Bei der ersten Abhandlung über das Sonnwendfeuer und den Sinn des Daseins bleibt man vielleicht noch wegen der vielen kulturhistorisch belegten Zusammenhänge im Zweifel, ob man es hier bei dieser Publikation mit Verspottung zu tun hat oder nicht. Bei der nächsten über den Sündenbock ist man dagegen wieder von der Seriosität und der durchaus eigenwilligen Sicht überzeugt, um ab der 3. über Gin und Gen oder das Kapitel über beliebte kosmetische Eingriffe endgültig den Kopf zu schütteln. Besonders schlimm scheint mir jedoch, dass nachprüfbare religions- oder geisteswissenschaftliche Tatsachen oft übergangslos mit sarkastischen Ausdeutungen vermischt oder in einander gewoben werden.
Der Verlag sandte mir ein paar Kommentare einiger Leser, die durchweg Zustimmung zum Ausdruck brachten. So schreibt z.B. ein Philologe "…vielen Dank für die erbaulichen Traktate von Victor Dahms spöttische,
intelligent geschriebene und vor keiner Autorität wankende Abhandlungen… Ich habe sie heute in einem Rutsch gelesen, schade, dass ich den Artikel über Scoptophilie nicht vorher kannte, ich hätte ihn glatt für ein Kabarett zum Thema Glotze ausgebeutet…"
Wer hingegen wirklich ernsthaft nach dem Sinn des Daseins sucht - und Religion, auch eine freie und undogmatische, ist ihrem Wesen nach nichts anderes als die positive Antwort auf dieses existenzielle Bedürfnis -, der wird das religiös dürftige Bändchen unbefriedigt beiseite legen. Dem Autor ist überhaupt nichts heilig, noch nicht mal die Religion.
Die übrigen Artikel sind allenfalls vergnügliche Plaudereien über einige meinetwegen zeittypische Facetten unserer Gesellschaft. Das Buch ist schlicht und einfach ein Ärgernis, auch wenn manche Gedanken darin durchaus eine ungewöhnliche und unerhörte Sicht auf altbekannte Phänomene unseres Alltags eröffnen
Erschienen in: "Der Humanist" Heft 10 Oktober 2010. S.222f.
Eckhart Pilick
|