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Hubertus Mynarek: Unsterblichkeit |
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Verlag Die Blaue Eule, Essen 2005. Kartoniert. 292 Seiten. ISBN 3-89924-133-9 |
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Das Buch hat einen schwarzen Einband. Darauf steht lapidar in lichtem Weiß der Titel UNSTERBLICHKEIT: In der Nacht des Todes also leuchtet die Hoffnung auf seine Überwindung. Das ist der Tenor der fast 300 Seiten. „In diesem Buch wird der Mensch … in der ganzen Weite seiner Erscheinungsweisen von der Geburt bis zum Tod, vom Diesseits zum Jenseits dargestellt…“ verspricht bescheiden der Text auf dem Rückendeckel. Der Leser wird in sieben Kapiteln und zwei Anhängen (I: Reinkarnation – Wiedergeburt – Auferstehung; II: Denker, Dichter, Forscher über Unsterblichkeit) mit dem Komplex der Unsterblichkeitsvorstellungen vertraut gemacht. Der Klappentext behauptet, „metaphysische Erlebnisse, Nahtod-Erfahrungen, Berichte Verstorbener (würden) einer kritischen, aber wohlwollenden Analyse unterzogen.“ Kritisch werden vor allem die Gegner des Glaubens an derlei Unsterblichkeitsbeweisen behandelt. Wer Mynareks Schriften kennt, weiß, dass er kein Mann des ängstlichen Lavierens oder des Kompromisses ist und keine halben Sachen mag. Er scheint ohne Wenn und Aber zutiefst überzeugt zu sein, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. (Ich selbst bin überzeugt, dass er sich noch wundern wird.) Gleich anfangs die (von mir nummerierten 63) „Aphorismen tiefster menschlicher Weisheit“, wie sie der Klappentext rühmt, markieren deutlich seinen Standpunkt. Da ist die Rede von einem „andern Leben“, einer „höheren Wirklichkeitsschicht“ – wohlgemerkt immer nach unserm Erdendasein –, und es heißt unverblümt: „Mein Glaube an die Unsterblichkeit verträgt sich durchaus mit meinem Bekenntnis zum Agnostizismus“ (Nr. 50). Doch diese Unsterblichkeit ist nur dem Geistigen sicher (S.13), und er schreibt: „Ja, ich wage sogar die Hypothese: Menschen, die keine geistige Energie in ihrem jetzigen Leben entfacht und entwickelt haben, können ins Jenseits auch nichts hinüberbringen. Sie verlöschen möglicherweise im Moment des leiblichen Todes.“ Doch man wird der Gedankentiefe der Aphorismen nicht gerecht, indem man einzelne herauspflückt. Die Gedankensplitter werden bald in einem kosmischen Zusammenhang wieder auftauchen und stellen einen integrativen Bestandteil des Werks dar. Mynarek, der sich schon in den 70ern fulminant von der katholischen Kirche losgesagt hatte und seitdem zu ihren schärfsten Kritikern zählt, weiß selbstverständlich, dass die Idee der Unsterblichkeit der Seele dem Christentum ursprünglich fremd gewesen ist und erst später vom Klerus massiv usurpiert und in Beschlag genommen worden ist. (Er geht näher auf diese Problematik im Anhang I ein). Die Idee einer unzerstörbaren Seele wurde aus der griechischen Philosophie übernommen und steht streng genommen im Gegensatz zum genuin christlichen Glauben an die Auferstehung des Fleisches am Ende der Zeit, ja wertet diese frohe Botschaft eigentlich sogar ab. Was schert mich, könnte man argumentieren, die Auferstehung von den Toten, wenn meine Seele gar nicht sterben kann? Dieser platonische Idealismus kommt im Buch immer wieder zum Vorschein. So heißt es an einer Stelle (S. 12): Wenn ich eine schöne Frau sehe, dann bewundere ich nicht eigentlich diese Frau (die ja ein Luder sein kann), sondern die Idee der Schönheit… (Bei mir ist das genau umgekehrt.) Oder (S. 14): Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass der Mensch einer Idee entstammt, einer Idee freilich, die sich nicht durch Schöpfung (Creatio), sondern durch Evolution stufenweise verwirklicht. Damit sind wir bei der Entelechie ganz im Sinn des Pantheisten Goethes, auf den Mynarek sich auch ausdrücklich (S. 26) beruft, und wodurch er auch bei den Freireligiösen auf Zustimmung stoßen kann. Denn mit Recht betont er, dass Atheismus und Unsterblichkeit durchaus vereinbar sind (S. 35 u. a. O.). Er beginnt deshalb im 3. Kapitel mit einer Zusammenfassung der Gedanken des marxistischen Philosophen Ernst Bloch. Gleich im Anschluss jedoch folgt ein 4. Kapitel über den Wiener Psychoanalytiker Karl Nowotny und seinen mehrbändigen „Berichten“ aus dem Jenseits, die er angeblich nach seinem Tod einem Medium diktiert haben soll. Das Buch enthält eine Fülle von so genannten Fallbeispielen, Berichten „Jenseitiger“, von Verstorbenen und Menschen mit so genannten Nahtoderlebnissen. Dass da ausgiebig Kübler-Ross zitiert wird, versteht sich. Aber genau da liegt unsere Antwort auf die rhetorische Frage des Autors: Warum die konventionelle Wissenschaft ebenso wie Otto Normalverbraucher so skeptisch gegenüber außersinnlichen Erfahrungen sind (S. 141). Nicht, weil sie blind-entschlossen dem Dogma huldigt, der Mensch sei nichts als Materie und Körperlichkeit… (S. 159)! Nein, sondern weil noch keine einzige weltbewegende Mitteilung der Jenseitigen und keine hinreichende Antwort auf ungeklärte wirklich brennende Fragen der Menschheit bekannt geworden ist, stattdessen unverbrüchliche Liebesbekräftigungen verstorbener Ehegatten an die Witwe (S. 151) oder Hinweise auf Bargeld in der Jackentasche (S. 151), auf eine verbogene Brille als Ursache starker Kopfschmerzen, der Bitte eines tödlich verunglückten Sohnes an seine Oma Ruth, für die traurige Mutter eine rote Rose zu kaufen; er weist ihr sogar auch noch die Richtung zu einem Geschäft, wo es im Sonderangebot Rosen für 1 $ das Stück gibt. Sind das Beweise für „Energiekonzentrate“ im Jenseits (S. 150)? Oder nicht vielmehr dafür, dass, wie schon Freud mutmaßte, die Geister aus dem Jenseits über eine verblüffende Fähigkeit verfügen, sich dem Niveau derer anzupassen, die sie rufen oder denen sie erscheinen? Inzwischen tun sie das natürlich auch per Telefon, das nennt sich dann hochtrabend „Instrumentelle Transkommunikation“ (ITK), ein Sammelbegriff für alle technisch-gestützten Jenseitskontakte, … objektiv dokumentierbaren Computer-, Audio- und Videoverbindungen mit der jenseitigen Dimension (sic!). Und auch dazu gibt das Buch zahlreiche verblüffende Beispiele. Mynarek wundert sich selbst über die Harmlosigkeit, gibt aber zu bedenken, dass die Verstorbenen offenbar mit einem unterschiedlichen Grad der Reife in die andere Dimension eintreten (S. 171). Da überzeugen den Skeptiker auch die so genannten Cross-Correspondences (S. 192 f.) nicht, d.h. in Trance vermittelte Botschaften, die einzeln für sich unverständlich sind und erst in der Verkoppelung mit denen anderer Medien einen Sinn ergeben. So arbeitet nun mal unser Gehirn, dass es aus drei, vier oder mehr für sich allein absurden Sprachmitteilungen durchaus einen Kon-Text macht, bei dem sich mit ein wenig Einbildungskraft auch etwas Passables denken lässt. Die
Nahtod-Erlebnisse – wie nah auch immer sie an der Wirklichkeit
angesiedelt sein mögen oder ob es sich dabei um chemische neuronale
Vorgänge im Gehirn handelt – sind sämtlich Erlebnisse von
Leuten, die eben nicht gestorben sind, sondern nur beinahe. Der von Mynarek mehrfach erwähnte berühmte Psychologe William James, der die legendäre Frau Piper bei ihren Trancezuständen beobachtet und ihre außersinnliche Wahrnehmung tatsächlich verblüffend gefunden hatte, notierte sich: „Wenn man von vornherein geneigt ist, einzuräumen, dass ein vom Tode halb auferweckter Geist kommen und seine ungenauen Erinnerungen in die Gewohnheiten eines Trancemediums mischen kann und wenn man sympathisch auf die Mitteilungen sieht, kann man diese in Übereinstimmung mit seiner Hypothese von Geistern bringen. Wenn man aber verlangt, dass nur unbestreitbare Beweise mitzählen, so ist nichts da, dass zur Annahme von Geistern zwingt, da das ganze sich auf natürlichem Wege erklären lässt.“ (Zitiert in Alfred Lehmann: Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten an bis in die Gegenwart. Stuttgart 1925, S. 407f.). Ähnlich wird auch das hier vorliegende Werk Mynareks beurteilt werden: Je nach Einstellung oder – zugegeben – auch Vorurteil des Lesers wird dieser darin eine Bestätigung seines Glaubens an die Unsterblichkeit finden oder nicht. Als Resümee, so fasst Mynarek zusammen, aller … geschilderten Nachtod-Kontakte überhaupt bietet sich hier eigentlich nur der Schluss, zumindest der sehr starke Eindruck an, dass diese Kontakte zwischen Lebenden und Verstorbenen tatsächlich stattgefunden haben mussten, dass es sich bei den Erscheinungen derselben nur um objektive, keine subjektiven Erfahrungen Lebender handeln konnte. (S. 186). Mynarek beleuchtet dann noch einmal sachlich Beispiele außersinnlicher Wahrnehmungen bekannter Medien und die Erklärungsversuche derselben und fragt am Ende: Haben wir … Nachtod-Kontakte, Besuche der Geister von Verstorbenen im Diesseits bewiesen? Und er antwortet: Wir haben sehr viele Argumente, die für diese Kontakte sprechen, angeführt. Der Leser ist aufgerufen, sich selbst ein Bild von der Beweiskraft dieser Argumente zu machen, wobei ihm helfen mag, dass wir ja auch die Gegenargumente der scharfen Kritiker und Skeptiker nicht unterschlagen, sondern ihm vorgelegt haben. Dieses sachliche Zusammenfassung leitet über zum Kapitel 7c über Materie und Geist – Gehirn und Unsterblichkeit. Hier glänzt Mynarek, dessen Standpunkt von der Nichtreduzierbarkeit des Geistigen auf wie immer geartetes Materielles (S. 230) dabei immer deutlicher hervortritt, mit seinem Scharfsinn und seiner Gabe, komplexe Zusammenhänge verständlich darzulegen. Eine knappe aber gediegene Darstellung des Gehirns, jenes gigantischen Mega-Organs mit seinen 100 Milliarden Nervenzellen, die sich an 100 Billionen Synapsen … miteinander verschalten (S. 198) mit einer kritischen Würdigung der Ansichten namhafter Hirnforscher wie Friederici, Koch, Roth und Singer ist äußerst spannend zu lesen. Klar identifiziert sich der Autor mit der Beurteilung des Direktors am Münchener Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Wolfgang Prinz, der die Vorhersagen seiner Kollegen, das Bewusstsein werde in absehbarer Zeit „erklärt“ sein, in das Reich der Fabel verweist. Diese
– nach den Worten des Autors – möglichst
objektive, vorurteilsfreie und wissenschaftlich einwandfreie Untersuchung
des Verhältnisses von Materie und Geist, Gehirn und Bewusstsein …
vermag also nichts wirklich Relevantes gegen, wohl aber Wesentliches für
die Möglichkeit von Unsterblichkeit zu erbringen. Unser Bewusstsein kann
den
Tod des Körpers überleben, weil es eine selbst auf die
hoch entwickelte Materie des Gehirns nicht total zurückführbare Größe
ist (S.
251). |
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