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P. Kristudas: Brahma träumt ein Universum |
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Indische Weisheit in Legenden, Erzählungen und Meditationen. Hrsg. von Siegfried Pick. 3. erweiterte Auflage mit einer Abbildung. Edition Isele, Eggingen 2007. 151 Seiten. |
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Das
in einem illustrierten Deckel schön gebundene Buch ist in dem kleinen
aber feinen Isele Verlag erschienen, der auch so renommierte Autoren wie Günter
Grass und Martin Walser im Programm hat. Es handelt sich um knappe
inhaltsreiche Legenden oder Fabeln des Priesters Kristudas aus Kerala in
Indien. Schon vor einem Vierteljahrhundert erschienen, war die erste
Auflage rasch vergriffen. Dr. Siegfried Pick, Sohn des Mainzer freireligiösen
Predigers und Ehrenpräsidenten des BFGD, Dr. Georg Pick (1892-1972;
vgl. Lexikon freireligiöser Personen) hat die um weitere Legenden
erweiterte Sammlung nun sprachlich bearbeitet und sorgfältig neu
ediert. Recht
indisch muten auch die Legenden des nächsten Abschnitts über „Treue
und Liebe“ an: Mehr
ein Geben als ein Empfangen. Der Reigen endet mit den Zyklen Ein
bisschen Optimismus kann hilfreich sein („Erwartung und
Sehnsucht“) und Mach
dich auf den Weg, dass du zu dir kommst („Endliches und
Ewiges“). Am
Schluss sind „Gedankensplitter“ angefügt, doch diese Aphorismen
erweisen sich als
integrativer Bestandteil des Werkes. Hilfreich ist das angefügte Glossar
mit Termini aus dem Hinduismus, lesenswert und als Einführung geeignet
das Nachwort des Herausgebers. Wir erfahren hier über Kristudas, dass
er „sich dem harmonischen Zusammenleben aller religiösen Gruppen
und Minderheiten mit ihren tief im Alltag verankerten religiösen Ritualen
verpflichtet“ fühlt und infolgedessen „vom Missionieren im ursprünglichen
Sinne…verständlicherweise nicht viel“ hält. Die
Begegnung und das tägliche Handeln sind die Richtschnur seines Glaubens.
Ich wähle eine der kürzesten und sowohl spaßige wie zugleich
ernste Geschichte aus: „Der entgangene Weingenuss“ (S.114): Frau Kota und Herr Kolumban wollten
ein großes Fest in Nadukanidorf veranstalten.
Da sie arm waren, baten sie die Gäste, jeder möge eine Flasche
Kokospalmwein (Kallu)mitbringen. In dem Festsaal angekommen, schütteten
die Gäste ihren Wein in das dafür vorgesehene Fass. Als das Fest
beginnen sollte, füllte Herr Kolumban in bester Stimmung die Gläser der
Anwesenden. Doch wie groß war ihr Erstaunen, als sie an Stelle des Weins
reines Wasser zu trinken bekamen. Jeder hatte gedacht, seine Flasche
Wasser werde bei dem vielen Wein bestimmt nicht auffallen. Alle gingen
beschämt nach Hause. Gewiss
sieht sich der Verfasser in der Nachfolge „der wunderbaren Lehre
Jesu“, wie Professor Dr. Winfried Blasig im Vorwort schreibt. Er
ignoriert die mit den sittlichen Grundsätzen des Humanismus vielfach
unvereinbaren Gebote des neuen Testaments (siehe dazu: Arthur Drews, Die
Ethik Jesu. Offenbach 2008). Jesus verflucht bekanntlich den Feigenbaum,
weil er im Winter keine Früchte trug. Kristudas wählt, um seine indische
Naturfrömmigkeit zu betonen, eine Anlehnung an die hinduistische
Religion. In „Der Rhythmus der Jahreszeiten“ (S.35f.) heißt es: Die Natur ist schön und kann sich
dann am besten entfalten, wenn die Jahreszeiten regelmäßig und
rechtzeitig erscheinen. Alles Geschehen verläuft im Rhythmus. Auch das
seelische Leben des Menschen folgt diesem Gesetz. Im seelischen
Wellenspiel offenbaren sich diese verschiedenen Jahreszeiten… Doch
Kristudas ist frei in seiner Religion. Und die Phantasie, mit der er nach
eigenem Bekunden (S. 142) anstelle eines Fotoapparates seine Aufnahmen
macht („blitzschnell
und kostenlos“), begleitet ihn auch in seinem Glauben, macht
ihn so menschlich und liebenswert. Und
so lässt er in „Die Gabe des Armen“ (S.47f.) Christus Gericht halten
und in einem dicken Buch die Lebensbilanz der Menschen nachschlagen. Ein
Armer starb unerwartet und stand nun voller Angst, ob ihm Einlass in den
Himmel gewährt werde, in einer Reihe Wartender.
Er hatte weder dem Hungernden zu essen noch dem Durstenden zu
trinken gegeben noch Kranke oder Gefangene besucht. Christus blickte auf und sagte:
„Da steht nicht viel geschrieben. Aber etwas hast auch du getan: Ich war
traurig, und du bist gekommen und hast mir Witze erzählt. Du hast mich
erheitert. Geh ein in den Himmel!“ Das
Gefühl der All-Sympathie, das hinduistische tat
twam asi („ich bin du“), weht durch all diese schlichten
und doch tiefsinnigen Geschichten, also die Identifikation mit Brahma in
allem, was lebt. Hier liegt die Quelle für Mitleid und Nächstenliebe,
die keinen Wesensunterschied macht zwischen Mensch und Tier (vgl.
insbesondere S.60). Im Angesicht der erhabenen Schönheit und Größe des
Himalaja, von Wolken umhüllt und unsichtbar, ist ihm ein Ruf, Gott in
seiner Verborgenheit anzunehmen (S.131). Das
alles macht die äußerlich schlichten aber tief bedeutsamen Fabeln und
Legenden und Geschichten so lesenswert. Eckhart
Pilick |
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