P. Kristudas

Brahma träumt ein Universum

Indische Weisheit in Legenden, Erzählungen und Meditationen. Hrsg. von Siegfried Pick. 3. erweiterte Auflage mit einer Abbildung. Edition Isele, Eggingen 2007. 151 Seiten.

Das in einem illustrierten Deckel schön gebundene Buch ist in dem kleinen aber feinen Isele Verlag erschienen, der auch so renommierte Autoren wie Günter Grass und Martin Walser im Programm hat. Es handelt sich um knappe inhaltsreiche Legenden oder Fabeln des Priesters Kristudas aus Kerala in Indien. Schon vor einem Vierteljahrhundert erschienen, war die erste Auflage rasch vergriffen. Dr. Siegfried Pick, Sohn des Mainzer freireligiösen Predigers  und Ehrenpräsidenten des BFGD, Dr. Georg Pick (1892-1972; vgl. Lexikon freireligiöser Personen) hat die um weitere Legenden erweiterte Sammlung nun sprachlich bearbeitet und sorgfältig neu ediert. 

Was die Legenden so lesenswert macht, ist einmal die Mischung aus ernster und heiterer Natur sowie zum andern die grenz- und konfessions-überschreitende Lebensweisheit. Kristudas ist Kapuzinerpater, doch sein Christentum verbindet er nahtlos mit fernöstlicher Weisheit und lässt sogar hier und da feinsinnige Kritik an der kirchlichen Institution durchblicken. Mir scheint, dass der Autor gnostischen Gedanken nahe steht und überzeugt davon ist, dass Aufklärung und Ratio zur Religiosität hinzukommen müssen, um etwas zu bewirken, ganz im Sinne Albert Schweitzers, für den eine Glaubenswahrheit immer auch zugleich eine denknotwendige sein muss. Und ebenso wie bei diesem tritt an die Stelle des traditionellen theologischen Gottesbildes das letzte Geheimnis, das sich sprachlichem Zugriff entzieht. An der Wiege jeder Kunst und Wissenschaft, schrieb der Agnostiker Albert Einstein einmal, steht das Geheimnisvolle. 

Das Werk gliedert sich in acht Zyklen mit je acht bis elf Legenden in bilderreicher Sprache. Der erste, Alles Wirkliche ist Begegnung dreht sich um Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Angst und Zuversicht sind die Pole des folgenden Zyklus Im Streben liegt dein Bestes. Der dritte über Leid und Freude trägt den Titel Die Kunst, sich glücklich zu fühlen, der vierte ist überschrieben Du kannst nicht alles haben. 

Nun ist ja der Zweifel im Glauben eigentlich für den Katholiken eine Sünde, das Werk des Satans, nicht aber für den weisen Kristudas. Er ermuntert im fünften Kapitel über „Zweifel und Glaube“ sogar dazu: Hab Mut, die Dinge in Frage zu stellen.

Recht indisch muten auch die Legenden des nächsten Abschnitts über „Treue und Liebe“ an: Mehr ein Geben als ein Empfangen. Der Reigen endet mit den Zyklen Ein bisschen Optimismus kann hilfreich sein („Erwartung und Sehnsucht“) und Mach dich auf den Weg, dass du zu dir kommst („Endliches und Ewiges“). 

Am Schluss sind „Gedankensplitter“ angefügt, doch diese Aphorismen erweisen  sich als integrativer Bestandteil des Werkes. Hilfreich ist das angefügte Glossar mit Termini aus dem Hinduismus, lesenswert und als Einführung geeignet das Nachwort des Herausgebers. Wir erfahren hier über Kristudas, dass  er „sich dem harmonischen Zusammenleben aller religiösen Gruppen und Minderheiten mit ihren tief im Alltag verankerten religiösen Ritualen verpflichtet“ fühlt und infolgedessen „vom Missionieren im ursprünglichen Sinne…verständlicherweise nicht viel“ hält.  

Die Begegnung und das tägliche Handeln sind die Richtschnur seines Glaubens. Ich wähle eine der kürzesten und sowohl spaßige wie zugleich  ernste Geschichte aus: „Der entgangene Weingenuss“ (S.114):

Frau Kota und Herr Kolumban wollten ein großes Fest in Nadukanidorf  veranstalten. Da sie arm waren, baten sie die Gäste, jeder möge eine Flasche Kokospalmwein (Kallu)mitbringen.

In dem Festsaal angekommen, schütteten die Gäste ihren Wein in das dafür vorgesehene Fass. Als das Fest beginnen sollte, füllte Herr Kolumban in bester Stimmung die Gläser der Anwesenden. Doch wie groß war ihr Erstaunen, als sie an Stelle des Weins reines Wasser zu trinken bekamen. Jeder hatte gedacht, seine Flasche Wasser werde bei dem vielen Wein bestimmt nicht auffallen. Alle gingen beschämt nach Hause. 

Gewiss sieht sich der Verfasser in der Nachfolge „der wunderbaren Lehre Jesu“, wie Professor Dr. Winfried Blasig im Vorwort schreibt. Er ignoriert die mit den sittlichen Grundsätzen des Humanismus vielfach unvereinbaren Gebote des neuen Testaments (siehe dazu: Arthur Drews, Die Ethik Jesu. Offenbach 2008). Jesus verflucht bekanntlich den Feigenbaum, weil er im Winter keine Früchte trug. Kristudas wählt, um seine indische Naturfrömmigkeit zu betonen, eine Anlehnung an die hinduistische Religion. In „Der Rhythmus der Jahreszeiten“ (S.35f.) heißt es:

Die Natur ist schön und kann sich dann am besten entfalten, wenn die Jahreszeiten regelmäßig und rechtzeitig erscheinen. Alles Geschehen verläuft im Rhythmus. Auch das seelische Leben des Menschen folgt diesem Gesetz. Im seelischen Wellenspiel offenbaren sich diese verschiedenen Jahreszeiten… 

Doch Kristudas ist frei in seiner Religion. Und die Phantasie, mit der er nach eigenem Bekunden (S. 142) anstelle eines Fotoapparates seine Aufnahmen macht („blitzschnell und kostenlos“), begleitet ihn auch in seinem Glauben, macht ihn so menschlich und liebenswert.

Und so lässt er in „Die Gabe des Armen“ (S.47f.) Christus Gericht halten und in einem dicken Buch die Lebensbilanz der Menschen nachschlagen. Ein Armer starb unerwartet und stand nun voller Angst, ob ihm Einlass in den Himmel gewährt werde, in einer Reihe Wartender.  Er hatte weder dem Hungernden zu essen noch dem Durstenden zu trinken gegeben noch Kranke oder Gefangene besucht. 

Christus blickte auf und sagte: „Da steht nicht viel geschrieben. Aber etwas hast auch du getan: Ich war traurig, und du bist gekommen und hast mir Witze erzählt. Du hast mich erheitert. Geh ein in den Himmel!“

Das Gefühl der All-Sympathie, das hinduistische tat twam asi („ich bin du“), weht durch all diese schlichten und doch tiefsinnigen Geschichten, also die Identifikation mit Brahma in allem, was lebt. Hier liegt die Quelle für Mitleid und Nächstenliebe, die keinen Wesensunterschied macht zwischen Mensch und Tier (vgl. insbesondere S.60). Im Angesicht der erhabenen Schönheit und Größe des Himalaja, von Wolken umhüllt und unsichtbar, ist ihm ein Ruf, Gott in seiner Verborgenheit anzunehmen (S.131). 

Das alles macht die äußerlich schlichten aber tief bedeutsamen Fabeln und Legenden und Geschichten so lesenswert.

Eckhart Pilick 
In: Freies Christentum. Auf der Suche nach neuen Wegen. 60. Jg. Heft 6


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