Schluss mit dem Humanismus!

Das Werk wird von verschiedenen Rezensenten im Internetz als "das provokativste Buch eines der wichtigsten Kritiker moderner Ideologien" gepriesen, der darin "schonungslos mit dem Humanismus" abrechne als einer gefährlichen und lebensbedrohenden Ersatzreligion der Moderne, der die Natur und uns selbst zu Tode kultiviere. Es ist eine altbekannte und ebenso beliebte wie simple Methode, eine geistige Bewegung auf einen Begriff zu reduzieren, um diesen dann so zu definieren oder gar simplifizieren, dass mit seiner Kritik die damit gemeinten Wertvorstellungen desavouiert werden können. 

John Gray spart bei seiner "Widerlegung" des Humanimus das Mitleiden aus, das sein Vorgänger Schopenhauer doch noch immerhin als Wert anerkannte, verbindet ihn um so mehr mit dem blinden Glauben an einen Fortschritt zum Höheren und Vollkommenen. Aber wenn wir über die Stellung des Menschen in der Evolution nachdenken und das Ergebnis durch Sprache formulieren und mitteilen, denken und handeln wir so aufgrund einer Sonderstellung des Menschen und nicht als irgendein anderes Geschöpf der Natur, als ein anderes geistiges Wesen. Welchen Rang wir uns dadurch beimessen, ist eine ganz andere Frage, nicht ein notwendiges Konstitutiv des Humanismus, wohl aber die respektvolle Haltung gegenüber der Natur mit ihren Geschöpfen, den Pflanzen, Tieren und (oder meinetwegen: einschließlich) Menschen.

Der Begriff "Humanismus" ist ungemein vieldeutig. Man vergleiche nur einmal die Artikel und Leserbriefe in dieser Zeitschrift, als sich starke nicht-christliche, nämlich pantheistische oder atheistische Landesverbände aus dem BFGD wie Bayern, Württemberg oder Niedersachsen aus ihrem "Familiennamen" ihrer 150jährigen Geschichte das Wort "Religion" und "religiös" entfernten und sich statt "freireligiöse" nunmehr "freie humanistische Gemeinden" nannten. In ihrem tiefen Glauben an die Macht einer Taufe glaubten sie sich so gegenüber den Kirchen zu profilieren, dabei bildet doch der Begriff Humanismus das einigende Band nicht nur nahezu aller Religions-, sondern auch der meisten Weltanschauungsgemeinschaften. Der Begriff soll gerade das über alle konfessionellen Schranken hinweg allgemein verbindende Wertgefüge betonen, die im Grundgesetz verankerten Grundwerte und säkularen Gesellschaft.
 
Ausgenommen sind diejenigen Ideologien, die auf einer fundamentalistischen oder faschistischen Grundanschauung beruhen. In seinem paranoiden Verschwörungswahn sah z.B. Alfred Rosenberg durch den Humanismus der Freimaurer, Sozialisten und Pazifisten dem deutschen Volke das Grab gegraben (S.418): "Die Freimaurerei setzt als ihre höchste geistige Errungenschaft die grenzenlose Toleranz: sie anerkennt alle ‚guten Menschen' als Brüder, ‚ohne Rücksicht auf Nationalität, Konfession, Farbe oder Rasse'. Sie predigt weder christliche, noch buddhistische, noch jüdische Lehren, sondern die Religion, ‚in der alle Menschen einig' sind. Wenn jemals eine Gedankenlosigkeit ausgesprochen worden ist, so hier." (S. 455). Die Verabschiedung des Humanismus erhob der Mythologe der Nazidiktatur "zur völkischen Notwendigkeit" (S.482). 

Um ihn leichter abtun oder verabschieden zu können, versieht Gray den Begriff mit fundamentalistischen Zügen. Wenn Albert Schweitzer die Ehrfurcht vor dem Leben als Kern der Moral nennt, die gut heißt, zu tun, was Leben schützt und Leiden - gleich welcher Kreatur - verringert, dann ist das humanistisch und in keiner Weise fundamentalistisch.
 
Albert Schweitzer (er kommt in dem Werk John Grays gar nicht vor) hat beklagt, dass bei aller Diskussion um die Würde des Menschen und seine Kultur peinlich darauf geachtet werde, dass keine Tiere in der Ethik herumlaufen, anerkennt also damit zwar eine Sonderstellung des Menschen in der Welt, die ihn aber geradezu (wie etwa im Buddhismus) verpflichtet, auch für seine Mitgeschöpfe alles zu tun, was Leiden verringert. 

Dennoch gibt es zahlreiche Theologen, insbesondere im Katholizismus, die den Glauben an eine gerechte und humane Welt und das unbedingte Streben danach als unchristlich oder sogar als satanisch ablehnen, da Erlösung von Unheil und Leid nur durch den Heiland zu erwarten sei, wenn diese von Natur aus böse Welt sich radikal (nicht evolutionär) in das Reich Gottes umwandelt. Dieses "Jenseits" ist das "ganz andere".
 
In Schömberg hat Ende Mai 2010 eine Stadtrat-Mehrheit für die Entfernung des Leitwertes Humanismus aus den Kindererziehungs-Richtlinien für Erzieher gestimmt. Die Kirchengemeinden hatten sich an dem Wort humanistisch gestört und wollten eine Verquickung von humanistisch und christlich um jeden Preis vermeiden. Pfarrer Norbert Graf hatte als Sprecher der Kirchen gegenüber Bürgermeisterin Bettina Mettler zum Ausdruck gebracht, dass sich der Humanismus, wie er heute verstanden werde, quasi als eine Gegenbewegung zur Kirche entwickelt habe. Die Kirche könne daher ein Leitbild, in dem der humanistische Ansatz deutlich hervorgehoben werde, nicht mit tragen.

Es gibt den christlichen, den freireligiösen, den atheistischen, den ökologischen Humanismus usw. usw. Gray differenziert nicht exakt. Weder den Humanismus als soziale Utopie eines Erich Fromm (der ebenfalls in Grays Abgesang auf den Humanismus unerwähnt bleibt), der vom fühlenden, denkenden und leidenden Menschen als der zentralen Kategorie ausgeht, noch die negativen Utopien und die Literatur zur Ideologie- und Utopiekritik scheint Gray zu kennen. Seine Auseinandersetzung mit Martin Heideggers Brief "Über den Humanismus", in dem ja auch die anthropologische Bedeutung relativiert wird, legt den Verdacht nahe, dass Gray, einer der "wichtigsten Kritiker moderner Ideologien", diesen Philosophen nur aus der Sekundärliteratur kennt. 

Aber vielleicht wegen seiner Oberflächlichkeit, mit der er Altbekanntes - mit Zitaten belegt, aber oft irritierend in indirekter Rede abgehandelt, so dass man aufpassen muss, ob jetzt der referierte Denker oder der Autor spricht - mit eigenen Einsichten im angenehmen Plauderton erzählt, liest man das Buch gern und grübelnd bis zur letzten Seite, freilich ohne satt zu werden.

"Damit unserem Leben überhaupt wieder ein Sinn zufallen kann, muss die Macht der Wissenschaft gebrochen und der Glaube neu gestärkt werden", heißt es im Kapitel "Wider den Fundamentalismus - den religiösen wie den wissenschaftlichen" (S. 33). Der Satz verblüfft, weil er die religiösen Grundlagen - sogar bei Heidegger oder Schopenhauer - kritisiert, aber an anderer Stelle dann wieder seine provokativen Aussagen relativiert. Gleich anschließend auf der nächsten Seite - wir waren schon bereit, dem Autor zu folgen und von nun an weder der Religion noch der Wissenschaft zu glauben, sondern nur noch ihm - erfahren wir: "Wir können aber nicht willentlich entscheiden, was wir glauben wollen".
 
Dem Menschen, der seine Vernunft, die ihn vom Tier wesenhaft unterscheidet, nur gebraucht, "um tierischer als jedes Tier zu sein" (Goethe), eine moralische Sonderstellung abzustreiten (und damit auch die Möglichkeit, die Welt human zu gestalten), ist von vielen Denkern bereits formuliert worden. Schopenhauer, den er ausführlicher behandelt, ist geradezu ein Verkünder froher Botschaft verglichen mit dem Philosophen Mainländer (siehe den Artikel in "Der Humanist" 4/1994).

Kein einziger Gedanke in Grays "Von Menschen und anderen Tieren", der nicht vor ihm schon formuliert worden wäre. Er kritisiert den Humanismus als "Ersatzreligion", als wenn das nicht vor ihm schon und viel prägnanter Michel Foucault getan hätte! Der hat ihn als Säkularisierung idealistischer Idee, Illusion und Selbstrechtfertigung im Sozialismus wie im Kapitalismus analysiert. Für ihn gibt es kein "Wesen des Menschen" und folgerichtig auch keinen Zweck und keine Zwecke, sondern nur das bloße Funktionieren. Wohin das führt, hat Horstmann noch weit pessimistischer formuliert als Gray.

Wenn Gray es an der Zeit findet, den Humanismus als gefährliche, lebensbedrohende Ideologie zu verwerfen und "ein für allemal klar stellt, dass der Anspruch der Menschen auf eine Sonderstellung in der Natur unsere Welt und mit ihr die Menschen selbst in den Untergang führt", dann kann ich nicht anders, als eben genau darin ein Argument für die Sonderstellung des Menschen in der Natur zu sehen.
 
Und wenn der Autor es nicht gut und erstrebenswert findet, dass der Mensch sich selbst und obendrein auch noch die Welt (ich verstehe nicht genau, was er damit meint) zu Grunde richtet, dann möchte ich doch zu gern erfahren, aufgrund welcher Wertvorstellungen er für den Fortbestand der Menschheit und der Welt (was immer er darunter versteht) eintritt. Und unter welchem Begriff ließen sich diese Wertvorstellungen subsumieren? Und wie sollen wir eine Ideologie wie den Humanismus als "Erlösungsdoktrin" mit seiner Heilserwartung abschaffen, wenn wir doch nach Ansicht des Autors gar keine autonomen Subjekte, sondern Tiere unter Tieren ohne einen freien Willen sind (S.12 u.a.O.)? Wenn er weiß, "dass der Lauf der Welt nicht vom Menschen abhängt und er sich deshalb nicht von der Überzeugung leiten lässt, der Mensch könne etwas Entscheidendes bewirken, sondern einem uralten Instinkt folgt? (S.32)

Der Verfasser ist sich folglich bewußt, dass auch sein Buch über den Abschied vom Humanismus nichts Entscheidendes bewirken kann. Es ist ein überflüssiges Buch demnach. Aber für das Überflüssige lebt man ja, meint Brecht. Einige können sogar davon leben. Sie folgen offenbar einem uralten Instinkt.


Erschienen in: "Wege ohne Dogma" Heft 3 März 2011. 

John Gray: Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus. 
Stuttgart 2010. ISBN 978-3-608-94610-9


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